Man will etwas wissen. Aber man hat fast keine Daten. Trotzdem kann man eine gute Zahl abschätzen. Was sind Fermi-Rechnungen?
Als Fermi-Rechnungen (oder Fermi-Probleme) bezeichnet man Abschätzungen für ein Problem, zu dem anfangs praktisch keine Daten zur Verfügung stehen.
Man zerlegt das große Problem in kleine Teilfragen, macht einfache Annahmen, und rechnet sich Schritt für Schritt zu einer Größenordnung vor.
Wikipedia: Fermi-Problem | Enrico Fermi | Größenordnung | Schätzung
Begriffe: Fermi-Rechnung, Abschätzung, Annahme, Größenordnung, Teilproblem, Modell, Plausibilität, Überschlag
Hintergrund
Fermi-Rechnungen sind nach Enrico Fermi benannt. Er war dafür bekannt, auch mit wenig Information schnell gute Abschätzungen zu machen. Berühmt ist eine Geschichte vom Trinity-Test: Er ließ Papierstückchen fallen und beobachtete, wie weit sie durch die Druckwelle geweht wurden. Daraus schätzte er die Sprengkraft ab, lange bevor genaue Messwerte ausgewertet waren.
Wichtig ist: Bei einer Fermi-Rechnung geht es nicht um die letzte Dezimalstelle. Es geht darum, ob die Antwort eher 40 ist oder 400 oder 4000. Die Größenordnung soll stimmen.
Fehler passieren dabei mehrfach. Aber oft heben sie sich teilweise auf: einmal zu hoch, einmal zu niedrig. Am Ende landet man trotzdem in der richtigen Größenordnung.
Kernpunkte (physikalisch)
- Teile das Problem: Aus einer großen Frage werden viele kleine, schätzbare Fragen.
- Arbeite mit Größenordnungen: Runde Zahlen, nutze einfache Werte, vermeide unnötige Genauigkeit.
- Prüfe Plausibilität: Ist das Ergebnis realistisch? Liegt es in der richtigen Größenklasse?
Überlegungen
- Warum sind Fermi-Rechnungen in der Physik nützlich?
Überlegung: Man kann schnell prüfen, ob ein Ergebnis überhaupt plausibel ist. - Was ist „Erfolg“ bei einer Fermi-Rechnung?
Überlegung: Die richtige Größenordnung, nicht die perfekte Genauigkeit. - Was braucht man dafür?
Überlegung: Allgemeinwissen, klare Annahmen, sauberes Rechnen mit Einheiten.
Rechnungen
Beispielklassiker: „Wie viele Klavierstimmer gibt es in Chicago?“ Wir rechnen mit runden Zahlen. Ziel: Größenordnung.
1) Wie viele Haushalte gibt es in Chicago?
Annahme: Chicago hat etwa 5 000 000 Einwohner. Im Schnitt leben 2 Personen in einem Haushalt.
N ≈ 5 000 000 / 2 ≈ 2 500 000 Haushalte
2) Wie viele Klaviere müssen pro Jahr gestimmt werden?
Annahme: In jedem 20. Haushalt gibt es ein Klavier, das regelmäßig gestimmt wird. Und jedes Klavier wird etwa 1× pro Jahr gestimmt.
N ≈ 2 500 000 · (1/20) ≈ 125 000 Stimmungen pro Jahr
3) Wie viele Klavierstimmer braucht man dafür?
Annahme: Eine Stimmung dauert 2 Stunden (inkl. Fahrzeit). Ein Klavierstimmer arbeitet 50 Wochen/Jahr, 5 Tage/Woche, 8 Stunden/Tag.
Stimmungen/Jahr ≈ (50·5·8)/2 = 1000
Benötigte Personen ≈ 125 000 / 1000 ≈ 125 Klavierstimmer
Ergebnis: Wir wissen nicht, ob es genau 100 oder 170 sind. Aber wir wissen: Es sind nicht 10 und nicht 10 000. Die Größenordnung ist etwa hundert.
Genau dieses Denken ist grundlegend für Naturwissenschaften: Man lernt, ein komplexes Problem in Teilprobleme zu zerlegen und klar zu sagen, welche Annahmen man benutzt.
Video (englisch): Fermi Problems

Was muss ich mir merken?
- Fermi-Rechnungen sind Abschätzungen ohne viele Daten.
- Man arbeitet mit runden Zahlen und Größenordnungen.
- Wichtig sind klare Annahmen und Einheiten.
Immer noch interessiert?
- Wie viele Liter Luft atmet ein Mensch pro Tag?
- Wie viel Energie verbraucht eine Stadt pro Tag?
- Wie viele Reiskörner passen in ein Klassenzimmer?
Wichtige Wörter: Fermi-Rechnung, Fermi-Problem, abschätzen, Annahme, runden, Größenordnung, Teilproblem, plausibel, Einheit, überschlagen
